Würde Gerald Hüther – Eine Chance für Unternehmer

Die alte hierarchische Organisationsstruktur erweist sich als grundsätzlich ungeeignet, um die Stabilität dieser hoch entwickelten heutigen Gesellschaften zu sichern, geschweige denn ihre künftige Entwicklung zu steuern. Sie hat ihre Orientierung bietende und Ordnung stiftende Karft durch genau das verloren, was sie selbst erzeugte: einen enormen Zuwachs an Kompexität.

Seite 67, Gerald Hüther, Würde

Ich selbst war 1997 diesem Gedanken in meiner Diplomarbeit zum Dipl. Volkswirt nachgegangen und untersuchte die Grenzen des Wachstums. Folgendes Zitat von Galbraith leitet meine Arbeit damals ein:

Das endlose Wachstum materiellen Wohlstandes, von dem wir die Lösung aller Probleme erhoffen, ist selbst zum Hauptproblem geworden.

Grenzen des materiellen Wachstums

Als Resümee meiner Arbeit forderte ich damals eine Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften.

Die Wirtschaftswissenschaft war zu der Zeit meines Studiums nicht in der Lage gewesen, komplexe Modelle menschlichen Verhaltens zu erkennen. Charakteristisch für die meisten Sozialwissenschaften, war die zusammenhangslose und reduktionistische Methodik. Die Wirtschaft ist ein Gesichtspunkt eines komplexen ökologischen und gesellschaftlichen Zusammenspiels, das aus Menschen besteht, die in ständiger Interaktion mit sich selbst und der Umwelt stehen. Der Grundlegende Irrtum der Sozialwissenschaften bestand darin, dieses Gewebe in Stücke aufzuteilen, von denen man annahm, sie seinen selbständig und könnten in separaten, akademischen Fachbereichen behandelt werden. In wirtschaftlichen Modellen fehlten soziale, sowie gesellschaftliche Realitäten.

Wandel der Wissenschaften

Die Wirtschaftswissenschaft war streng von dem kartesianisch- newtonschen Denken geprägt. Betrachten wir kurz die Entstehungsgeschichte und den Wandel der Wissenschaften, wird dieser Zusammenhang deutlich. Die moderne Wissenschaft war im 17. Jahrhundert von Sir William Petty gegründet. Petty formulierte Beschreibungen und Argumente in Zahlen, Gewichtsangaben und Messungen. Sein Denken wurde durch Descartes und Newton stark beeinflusst. In dieser Zeit änderte sich die mittelalterliche Anschauung von einem organischen, lebenden und spirituellen Universum hin zu der mechanistischen Vorstellung der Welt. Dieser Wandel war durch die Entdeckungen in der Physik, der Astronomie durch Kopernikus, Galilei und Newton begründet.

In dem Zeitalter der wissenschaftlichen Revolution wurden neue Forschungsmethoden und mathematische Naturbeschreibungen, vor allem durch Descartes, entwickelt. Galilei beschäftigte sich mit den meßbaren Eigenschaften materieller Körper. Für ihn waren Formen, Zahlen und Bewegung von ausschließlichen Interesse. Andere Eigenschaften, wie Farbe, Klang, Geschmack oder Geruch waren subjektive Eindrücke, welche aus der Wissenschaft ausgeschlossen wurden. Seine Arbeitsweise hat sich für die moderne Wissenschaft als sehr nützlich erwiesen. Die Erfahrung an sich selbst, war aus dem Reich wissenschaftlicher Forschung ausgestoßen worden.

Die Wissenschaft war damals wie heute einem radikalen Wandel unterworfen. Vor der Zeit der ersten wissenschaftlichen Revolution war die Grundhaltung der Wissenschaftler, in heutiger Sprache ausgedrückt, ökologisch. Ausgehend von der Antike bestand die Wissenschaft darin, Weisheit, Harmonie und Verständnis für die natürliche Ordnung aufzubringen. Die empirische Wirtschaftsordnung, begründet durch Francis Bacon, verdrängte diese Werte. Heute beobachten wir den Höhepunkt einer reduktionistischen und analytischen Vorgehensweise und erleben den zunehmen Verlust unserer Würde.

Aktuell befinden wir uns wieder inmitten einer wissenschaftlichen Revolution, es ist nur schwer dies zu erkennen, weil wir mitten drin stecken. Die Quantenphysik z.B. öffnet uns Räume, die mit der klassischen Vorstellung der Welt nicht mehr übereinstimmen. Die Ökosysteme halten die Belastungen der reduktionistischen Betrachtungsweise nicht mehr stand. Die arbeitende Bevölkerung leidet zunehmend an psychischen Erkrankungen. Sprich, wir erleben eine Krise und jede Krise bedeutet einen Untergang und Neuanfang zu gleich.

Gerald Hüther gibt uns eine Vision für die Zukunft

Am Ende stelle ich mir die Frage, ob Gerald Hüther mit seinem Begriff der Würde uns allen einen Weg ebnet, der uns das wieder zurück gibt, was uns in der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert verloren gegangen war. Ich stelle mir ein Leben vor, in dem Menschen voller Würde und Stolz wieder an ihrem Arbeitsplatz gehen. Produkte und Dienstleistungen erbringen, die ein würdevolles Miteinander ermöglichen. Ehepartner mit Stolz und Würde wieder eine Familie gründen, in der Kinder in Würde reifen dürfen, alte Menschen würdevoll ihren letzten Lebensabschnitt verbringen.

Ich war nach einer Auszeit von drei Jahren wieder in die Welt des Wirtschaftens zurück gekommen. Die Erkenntnis, dass nichts unsere Welt in den letzten 100 Jahren so sehr verändert hatte, wie der wirtschaftlich handelnde und denkende Mensch, hatte mir wieder Mut gegeben mit den Unternehmern zu arbeiten und mit ihnen gemeinsam eine Vision eines würdevollen Unternehmens zu entwerfen.