Führung Dominanz

Mythos Dominanz – Generationen von Menschen haben aufgegeben, haben resigniert und sich dominanten Führern ergeben, aus der irrigen Annahme keine Wahl zu haben. Lass dich überraschen, wie Gulliver eine junge Stute mir heute einen Ausweg anbot.

Führung Dominanz – Seit Jahresanfang habe ich die Möglichkeit, auf dem alternativen Pferdehof ArhönA zusammen mit 80 Pferden neue Wege in der Ausbildung von Mensch und Pferd zu erkunden. Seit über 10 Jahren bilde ich nun Führungskräfte aus und habe stetig Wege gesucht, wie wir das alte Bild von Herrschen und Dienen endlich überwinden können und zu einem kooperativen Miteinander gelangen.

Ich genieße jeden Tag, der es mir ermöglicht, mit den Pferden zu sein, denn sie bieten einem immer Gelegenheiten, mehr über sich selbst zu erfahren. Heute zeigte mir Gulliver, eine junge, gerade eingerittene Stute, was sie von Dominanz hält.

Dominanzverhalten in der Pferde- und Führungskräfteausbildung, genauso wie in der Kindererziehung scheint eine wichtige Erziehungsmaßnahmen zu sein, so wird es zumindest von vielen Experten immer wieder betont. So ist von aggressiven Pferden und Kindern die Rede, oder von unwilligen Mitarbeitern, an denen sich schon so manche Pferdetrainer, Eltern und Führungskräfte die Zähne ausgebissen haben. Schnell fühlen wir uns dazu aufgerufen, uns durchzusetzen, die Grenzen deutlich zu machen, oder ein deutliches Zeichen (Bestrafung) zu setzten, das Fass ist schließlich bereits übergelaufen.

So dachte ich auch eine Zeitlang über Gulliver. Sie wurde mir als eine gut im Schritt und Trab angerittene Stute vorgestellt. Zu Anfangs schien mir das Bild recht stimmig. Sie reagierte auf meine Hilfen im Schritt und im Trab und schließlich wagte ich auch den Galopp. Sie schien alles zu verstehen, was ich von ihr wollte. Mit der Zeit baute sich eine immer deutlicher werdende Spannung in ihr auf, die sich beim Angaloppieren in einigen Buckellepisoden entlud. Auch ignorierte sie schließlich meine Schenkelhilfen völlig, so dass ich sie überhaupt nicht mehr dazu veranlassen konnte sich nur einen Schritt weit zu bewegen. Selbst bei der Bodenarbeit war sie eher Träge und schwer zu bewegen.

Irgendwie musste ich mein Verhalten verändern und so dachte ich, was wäre, wenn mir Gulliver jedes Mal, wenn ich versucht war, auf sie auf irgendeine Art und Weise Druck auszuüben eine Alternative anbot? Was wäre, wenn ich die ganze Zeit nur nicht aufmerksam genug mir ihr gewesen wäre und ich die Möglichkeiten, die sie mir bot einfach ständig übersah? Also musste ich alle gut gemeinten Tips und Spielchen, die mir vorgeschlagen wurden wieder vergessen und meine eigenen Ideen und Vorstellungen was zu tun sei völlig loslassen. Und siehe da, es boten sich mir ungeahnte Möglichkeiten. Ich sattelte sie, band ihr das Knotenhalfter um und nahm sie mit in die Reithalle.

Ich fühlte mich, als wäre ich heute zum erstem Mal mit Gulliver in der  Reithalle. Ich stand da und hatte keine Idee, was zu tun sei. Und dann fixierte ich einen Punkt an der gegenüber liegenden Seite der Reithalle an und ging darauf zu. Gulliver folgte ohne ein Zögern. Dann wendete ich abrupt und fixierte ein neues Ziel an. Dann wechselte ich immer schneller die Richtung und jedes Mal wenn wir ein neues Ziel ansteuerten, hatte ich das Gefühl unsere Leben hinge irgendwie davon ab. Ich war völlig vertieft in dem Spiel und dachte mir immer wieder neue Aufgaben aus.

Noch nie hatte ich so viel Energie und Freude zusammen mit Gulliver verspürt. Dann legte ich eins drauf und ließ sie das Ganze im Trab und Galopp mit mir spielen. Es machte uns einen riesen Spaß durch die Halle zu jagen, schnelle Richtungswechsel und abrupte Stops hinzulegen. Ich sah uns schon beim nächsten Barrel Race gewinnen. Beim Angaloppieren legte sie zwar immer noch einige Buckler ein, doch das störte mich nicht im Geringsten, ich ignorierte es einfach und dachte mir statt dessen noch immer schnellere Spiele aus, so dass sie gar nicht mehr zum buckeln kam. Dann zog ich ihr Halfter und Sattel aus und wir machten einfach weiter und tobten durch die Halle, egal was ich auch machte, sie war bemüht so gut sie konnte mir zu folgen. Sie achtete stets darauf mich nicht zu überrennen und zeigte sich auch sonst sehr feinfühlig und achtsam.

Gut sagte ich mir, dann machen wir ein Wettrennen quer durch die Halle und rannte los. Keine Sekunde später galoppierte sie an mir vorbei und wartete geduldig am anderen Ende der Halle, bis ich wild schnaubend die 60 Meter hinter ihr hergesprintet kam. Ok, dann spielen wir jetzt, wer als letztes ankommt hat gewonnen, da rechnete ich mir doch eine Chance aus und fing an, ganz gemächlich durch die Halle zu schreiten. Das schien sie nicht im Geringsten zu interessieren, sie blieb einfach stehen. Gut dachte ich, sie hat wohl einfach das Interesse an meiner Albernheit verloren und ging langsam weiter. Was dann geschah ließ mich völlig Erstaunen. Als ich schließlich an der Bande angekommen war, blickte sie zu mir herüber und trottete ganz gemächlich herbei. Schon wieder gewonnen dachte ich und musste laut lachen. Danke für die vielen Lektionen heute.

Mittlerweile waren wir beide vom vielen herumtoben nass geschwitzt und so beschloss ich unser Spiel für heute zu beenden und ließ sie noch ein wenig allein die Halle erkunden. Neugierig inspizierte sie einige Ecken, lief kreuz und quer durch die Halle, bis sie sich plötzlich von einer an der Reithalle vorbeifliegenden Plane erschreckte und dann gerade Wegs auf mich zu galoppierte, sich direkt neben mich stellte, um mit mir zusammen Wind und Plane bei ihrem Treiben zuzusehen.

Endlich dachte ich, habe ich gefunden, wonach ich die letzten Wochen bei der Arbeit mit den Pferden immer gesucht hatte. Ich fragte mich die ganze Zeit, wie muss es wohl sein, wenn ich all die Spiele, Tricks und Konditionierungen und Dominanzspiele loslassen könnte und einfach mit den Pferden bin? Heute habe ich es erfahren und fühle mich unglaublich glücklich und befreit. Ich habe mich zusammen mit Gulliver einfach treiben lassen und war gleichzeitig hellwach und hatte irgendwie das Gefühl unser beider Leben hinge davon ab, ob wir jetzt das von mir gewählte Ziel erreichten oder nicht.

Und das, was mir theoretisch schon klar war, wurde heute Gewissheit. Der Weg nach Hause heisst, dem Leben in all seiner Widersprüchlichkeit völlig zu vertrauen und der Welt wie ein Kind zu begegnen, mit staunenden Augen und offenen Herzen, genau so, wie wir es alle im Sandkasten getan haben, wenn wir völlig im Spiel versunken, um uns herum alles vergessen hatten und es das Wichtigste auf der ganzen Welt war, den nächsten Sandkuchen zu backen, auch wenn die Mutter uns schon zehn Mal zum Essen gerufen hatte.

So wie ich Gulliver einer Zeit lang begegnete fühlen sich wohl viele von uns in der Schule oder später im Berufsleben. Missverstanden, überfordert und autoritär misshandelt. Die menschliche Psyche bedarf einer Umorientierung. Die Meisten von uns resignieren irgendwann  unter einer autoritären Führung und funktionieren nur noch. Die Kreativität ist einer Lethargie gewichen, die nur darauf aus ist, nicht aufzufallen, keine Fehler zu machen und irgendwie durchzukommen. Genauso reagieren Pferde unter einer autoritären Anleitung. Irgendwann machen sie alles, was du von ihnen verlangst, sie funktionieren dann einfach nur noch, ihre Augen sind leer und die Seele scheint sie bereits verlassen zu haben und innerlich, warten sie nur darauf bis sie jemand erlöst und wieder zurück ins Leben holt.

Wir alle treffen im Leben eine existentielle Entscheidung, bewusst oder unbewusst. Aber ich glaube jeder Einzelne ist sich insgeheim im Klaren darüber, wir er sich entschieden hat. Wofür setze ich meine Lebensenergie ein? Mich perfekt an ein autoritäres System anzupassen oder mich in meiner Einzigartigkeit zu erkennen und ein freies Leben zu führen? Wie auch immer ich mich entscheide, Eins ist sicher, es wird meine ganze Energie verzehren.

Führung Dominanz

2017-08-31T10:56:00+00:00 Von |4 Kommentare

4 Kommentare

  1. […] Seit Jahresanfang habe ich die Möglichkeit, auf dem alternativen Pferdehof AröhnA zusammen mit 80 Pferden neue Wege in der Ausbildung von Mensch und Pferd zu erkunden. Seit über 10 Jahren bilde ich nun Führungskräfte aus und habe stetig Wege gesucht, wie wir das alte Bild von Herrschen und Dienen endlich überwinden können und zu einem kooperativen Miteinander gelangen.  […]

  2. Selbstfindung und Freiheit 24. Mai 2015 um 9:04 Uhr- Antworten

    […] eigene Wesen ist nichts, was gezügelt, dominiert oder dressiert werden muss. Es hat vielmehr die Eigenschaften eines Samens, der das gesamte […]

  3. Markus Schneider 27. Mai 2015 um 11:01 Uhr- Antworten

    Gerade bei Mark Rashid gelesen und ich frage mich, worin eigentlich der Unterschied zwischen Mensch und Pferd besteht !?

    “Im Laufe der Jahre habe ich einen sehr deutlichen Unterschied bemerkt zwischen den Pferden, die uns aus freien Stücken zum Führer wählten und solchen, die gezwungen wurden zu folgen. Der Unterschied ist greifbar. Jedes Pferd, mit dem ich zu tun hatte, das seinem Besitzer vertraute, war immer bereit, für seinen Besitzer das Unmögliche möglich zu machen. Das Pferd war immer da, wenn es gebraucht wurde, und ließ seinen Besitzer selten bis nie im Stich. Pferde, die zur Unterwerfung gezwungen wurden, geben dagegen gerade so viel nach, wie die Aufgabe verlangt – nicht mehr. Wenn sich die Gelegenheit bietet, machen sie sich kein Gewissen daraus, ihren Besitzer im Stich zu lassen, wenn er sie am nötigsten bräuchte.”

    aus Mark Rashid: Denn Pferde lügen nicht.

  4. Markus Schneider 17. Juni 2015 um 8:14 Uhr- Antworten

    Dominanz ist vielleicht eine schwer zu brechende Gewohnheit, aber sie ist nicht unbedingt ein unüberwindbares Gesetz der Natur. […] Im Umgang mit egal welchem aggressiven hierarchischen Impuls – in Ihnen selbst, in Ihrem Pferd, im Kollegen und Autoritätspersonen – erinnern Sie sich zuallererst, dass Dominanz eine Gewohnheit ist und kein Gesetzt der Natur. Zweibeinige und vierbeinige Kreaturen können lernen, ihr Verlangen nach Kontrolle und Macht zu mildern durch Zurückhaltung, Bedacht, Wärme und Nachsicht. Andererseits gibt es viele Menschen, die den Missbrauch eines Pferdes niemals tolerieren würden, aber sich selbst über alle Grenzen des Erträglich hinaus vorantreiben und erschöpfen.

    Linda Kohanov: Botschafter zwischen den Welten

    Jeden Tag erlebe ich Situationen in denen ich mich für den harten dominanten Weg oder eine mitfühlende weiche Alternative entscheiden kann. Wähle ich den 2. Weg meldet sich eine kleine Stimme in meinen Kopf und fängt an zu rebellieren: “Bist du wahnsinnig, DU MUSST DIE KONTROLLE BEHALTEN! brüllt sie unerbittlich. Welche Kontrolle frage ich mich dann? Gut in der Sekunde, in der sie schreit, scheint sie die Beherrschung zu verlieren und erkennt sich damit selbst als Illusion.

    Was heisst es eine Situation zu beherrschen? Hart einzugreifen, dominant auftreten, einen Krieg anzuzetteln? Ein Krieg fängt derjenige an, der sich unterlegen fühlt, der Angst hat, der kämpft. Oder meint es vielleicht die eigenen Gefühle akzeptieren zu lernen, den Krieg zu beenden und mit dem Geschehen mitzugehen, so wie es eine Teilnehmerin meines Kurses uns letzte Woche so wundervoll demonstrierte.

    Ihre Aufgabe war es einen jungen Wallach zu führen und ihn sicher durch die Reithalle zu begleiten, was durchaus eine Herausforderungen bei diesem ungestümen Halbstarken ist. Als er Anstalten machte ihre Grenze zu verletzen und sie wild zur Seite drängen wollte, nahm sie seine Energie in bester Aikido Manier auf und lenkte ihn sanft in eine Kurve. Und schon waren beide beruhigt und konnten ihre Arbeit fortsetzten.

    Ich habe schon Menschen erlebt, die mit dem gleichen Wallach innerhalb von Sekunden eine Konfrontation anzettelten und er steigend vor ihnen stand. Wenn die Fronten sich verhärten verlieren alle. Wir können den mitfühlenden, weichen Weg wieder erlernen, ohne uns selbst auszubeuten und unsere Grenzen zu missachten, was zweifellos in Burnout und Selbstzerstörung endet.

    Ich beginne gerade meine Arbeit mit Mensch und Pferd nachdem ich 15 Jahre lang nur mit Menschen gearbeitet habe und freue mich jeden Tag auf`s Neue, dass die Pferde wieder ihren Weg zu mir gefunden haben und mir bereitwillig zur Seite stehen, um den nächsten Schritt in unserer Entwicklung zu einer weisen und mitfühlenden Spezies zu entwickeln, die es gelernt hat im Einklang und im Fluss des Lebens zu schwimmen. Die gelernt hat, Gefühle als Informationen zu betrachten, die gelernt hat in Verbundenheit mit der Natur zu leben, die gelernt alles (Leben) willkommen zu heissen und in Liebe zu umarmen.

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